Eine Wohnung für Madame Mathieu Lévy
 
Mme Mathieu Lévy in ihrer Wohnung in der Rue de Lota1917 kehrte Gray nach Paris zurück und nahm die Fäden ihrer Karriere wieder auf. Nach dem Krieg, im Jahr 1919, nahm sie ein größeres Projekt in Angriff, die Gestaltung einer Wohnung für Mme Jeanne Mathieu Lévy, Besitzerin des Berühmten Modesalons Suzanne Talbot. Sie hatte ihren Salon de modiste 1917 von Mme Tachard, einer engen Freundin Doucets und Pierre Legrains, erworben. Über Doucet war Gray auch in diesen anspruchsvollen Kreis gekommen. Mme Tachard kaufte zwar mehrere Teppiche, aber die eigentliche Herausforderung war für Gray das Projekt, mit dem Mme Mathieu Lévy sie beauftragt hatte. Zum ersten mal in ihrem Leben bot sich ihr die Gelegenheit, ein ganzes Environment zu gestalten, einschließlich der Wandtäfelung, Dekorationen, Lampen und Möbel. Was dabei herauskam, war auf atemberaubende Weise innovativ. Grays Plan lag die Idee zugrunde, die Wände mit Lackpaneelen zu verkleiden, um den Stuck zu kaschieren und eine dunkle, intime und exotische Umgebung für die Mischung aus Lackmöbeln, afrikanischer und alter Kunst zu schaffen, mit der die Wohnung ausgestattet werden sollte.
 
Im Salon verwendete sie über dem Lambris und dem Fries Paneele mit einem kurvigen Design, das an die Rückseite ihres Wandschirms "Le Destin" erinnerte. Das Paneelen-Muster wird von freistehenden Wandschirmen aufgenommen: Ein kleinerer übernimmt es auf eine weichere, schwungvollere Weise, ein anderer wiederholt direkt das dynamische, geometrische Muster der Wandpaneele. Grays interessanteste Neuerung war die Gestaltung der großen Eingangshalle. Sie befestigte Hunderte von schmalen, marmorierten und strukturierten Lacktafeln wie Backsteinquader an den Wänden. Ungefähr in der Mitte der Halle sind sie herausgeklappt worden und bilden senkrecht zur Wand Schirme, die den extrem langen Raum unterteilen.
 
Damit waren die "Block"-Wandschirme aus der Taufe gehoben - freistehende Raumelemente, die zu ihren augenfälligsten Erfindungen zählen und die Unterschiede zwischen Mobiliar, Architektur und Skulptur verwischen. Da sie nicht fest integriert waren, konnten sie als verstellbare, bewegliche Wände verwendet werden, die eine Untergliederung des Raums ermöglichten, gleichzeitig aber durch die geschickte Verteilung von Dichte und Leere, Masse und Transparenz den Eindruck von optischer und skulpturaler Leichtigkeit erweckten.
 
In der Rue de Lota fanden viele von Grays Teppichen Verwendung. Ihr abstraktes Muster setzte sich in den effektvoll gestalteten und ganz neuen geometrische Formen bildenden Beleuchtungskörpern aus Lack, Straußeneiern und Pergament fort. Zu den Möbelstücken gehörten ein nüchterner Schreibtisch in schwarzem Lack mit nach außen geschwungenen Beinen und geschnitzten Elfenbeingriffen an den Schubladen, die kubistischen Skulpturen glichen; ein niedriges, langgestrecktes, an den Enden sich verjüngendes Bücherregal in dunkelbraunem Lack, ein Sessel, dessen Design die schwungvolle Bewegungen zweier sich aufbäumender Schlangen wiedergibt. Ein absolutes Novum, das Gray für Mme Lévy entworfen hatte, war das "Pirogue"-Sofa, eine Liege in der Form eines Kanus auf zwölf Kufen in braunem Lack mit strukturierter Oberfläche und silberner Einlagen - eine Form, die es in der Geschichte des Möbeldesigns noch nie gegeben hatte, sozusagen das Nonplusultra an Extravaganz. Die Wohnung machte von sich reden. Baron de Meyer lichtete für ein Werbefoto Mme Lévy auf ihrem Sofa ab, und Harper's Bazar veröffentlichte im September 1920 einen Bericht: "Lackvertäfelungen und Lackmöbel verdrängen in Paris und London die alten Götter." Die Arbeiten waren zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht abgeschlossen - die große Eingangshalle wurde erst 1924 fertiggestellt.
 
1922 hatte die Herzogin von Clermont-Tonnerre in Les Feullets d'Art einen Artikel mit dem Titel "Les laques d'Eileen Gray" veröffentlicht. Die Wohnung wurde zwar nicht namentlich erwähnt, aber ihre enthusiastische Kritik geht auf all die glücklichen Lösungen dieser Inneneinrichtung ein:
 
" ... sie hat sich an ein äußerst schwieriges Unternehmen gewagt", schrieb von Clermont-Tonnerre, "an die Realisierung eines harmonischen Ganzen, in dem sich eine völlig neuartige Linienführung mit einer Farbskala aus goldbraunen oder nachtdunkeln Tönen verbinden soll. Ihr Ziel ist es, Interieurs zu schaffen, die unserem Lebensstil, den Maßen der Räume und unserer Sensibilität Rechnung tragen ... Mit bewundernswerter Ausdauer und großem Arbeitsaufwand hat Eileen Gray Träume in Räume übersetzt ... Miss Grays Ehrgeiz ist es, den gesamten Raum zu gestalten, von den Vorhängen, den Wandbehängen, den Teppichen und den Stoffen bis zu den Beleuchtungskörpern, um so ein Ganzes zu schaffen, das die Schönheit eines Gedichts besitzt ... (Sie) weiß, dass Möbel durch symbolische Gegenstände geometrisch ergänzt werden müssen ... in manchen Räumen sind große Flächen mit einem neuartigen Material bedeckt, das eine Verbindung aus Schiefer und Lack zu sein scheint; schwarze und weiße Streifen erinnern an Planetenbahnen und die Flügel eines Flugzeugs, mit dem sie durch geometrische Linien verbunden sind."
 
Der durchschlagende Erfolg dieser Räume und die Beachtung, die ihre Arbeiten in der Presse - in Zeitungen wie The Times und Daily Mail in England, in The New York Herald und The Chicago Tribune in Amerika - fanden, müssen Gray in ihrem Entschluss bestärkt haben, selbst ein Geschäft zu eröffnen, ein Gedanke, den sie 1921 zum ersten mal erwog und 1922 dann in die Tat umsetzte.

 
 



EILEEN GRAY
 






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